Liebe und Hoffnung

Triggerwarnung: Hier geht es darum, wie ich mich in den schlimmeren Zeiten meiner Depression gefühlt habe. Wenn du dir unsicher bist, ob du den Text lesen sollst, dann verschiebe es auf einen späteren Zeitpunkt oder hole dir Jemanden, mit dem du es zusammen tun kannst.

Vielleicht hilft dir Text aber auch zu verstehen, dass du nicht alleine bist. Du bist nicht alleine! Und ganz wichtig: Höre nie auf zu kämpfen, denn es kann besser werden, wenn du nur dran glaubst!

//2019//

Liebe und Hoffnung. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu verstehen, dass es im Leben um Liebe und Hoffnung geht. Und zwar nur um Liebe und Hoffnung. Die Hoffnung brauchst du um zu leben. Ohne Hoffnung zu leben ist wie ohne ohne Liebe zu heiraten. Aber es geht nicht nur darum einen anderen Menschen zu lieben. Natürlich kann das einen erfüllen und Hoffnung geben. Aber, was ich meine, ist das Leben zu lieben. Sich selbst zu lieben. Denn ich hatte in meiner depressiven Phase keine Liebe mehr. Ich habe sie verloren. Ich konnte nicht mehr lieben. Weder mich selbst, noch wen anderes, noch das Leben. Ich habe es gehasst. Ich habe mich gehasst. Eigentlich weiß nicht mal mehr, ob ich in der Lage war überhaupt zu hassen.

Eigentlich habe ich nämlich gar nichts mehr gefühlt. Es war alles weg. Das Einzige, was ich auch nur ansatzweise verspüren konnte war Trauer. Und davon leider zu viel. Ich konnte niemanden mögen oder erfüllen, am wenigsten mich selbst. Und wenn du anfängst dir selbst egal zu sein, dann kann das verdammt gefährlich werden. Der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich furchtbar traurig und verloren bin, war wohl der, in dem ich realisiert habe, dass ich aufgehört habe, die Dinge zu lieben, die ich vorher so sehr gemocht habe. Ich habe aufgehört Sport zu lieben. Das mag blöd klingen, aber Sport hat mir unheimlich viel bedeutet. Durch Sport hatte ich eine Aufgabe und einen Sinn im Leben, durch Sport war ich selbstbewusst und ehrgeizig und wusste, was ich wollte. Durch Sport hatte ich einen Ausgleich. Nicht zur Schule, sondern zu meinem Leben. Zu mir selbst. Und das alles wurde mir genommen. Ich habe aufgehört mich um mein Aussehen zu kümmern, früher war auch das mir wichtig. Früher habe ich immer meine Finger lackiert, damit man meine Blutergüsse vom Volleyball unter meinen Nägeln nicht sieht. Aber nicht nur deshalb, sondern einfach WEIL ICH ES MOCHTE. Früher habe ich mich meistens um einen guten Haarschnitt gekümmert, oder nach dem Duschen eine Kreme aufgetragen. Früher habe ich noch versucht mich für die Schule anständig anzuziehen. Das alles mache ich nicht mehr. Wieso auch? Es interessiert ja eh keinen, wie ich aussehe. Jetzt trage ich nur noch Jogginghosen und kümmere mich nicht mehr um mich selbst. Es ist zu anstrengend für mich mich umzuziehen oder die Finger zu lackieren oder sonst irgendwas anderes zu tun. Ich habe auch keinen Spaß mehr an all diesen Aktivitäten. Auch das gehört zu Liebe. Man muss Sachen machen, die einem Spaß machen. Aber mir macht Volleyball spielen keinen Spaß mehr, mir macht lesen keinen Spaß mehr, mir macht Geige spielen keinen Spaß mehr, mir macht es keinen Spaß mehr ins Kino zu gehen oder Konzerte zu besuchen, mir macht es keinen Spaß mehr, mit Freunden etwas zu unternehmen. Nichts macht mir Spaß. Nicht mal essen, macht mir Spaß. Ich habe Essen geliebt. Aber jetzt bekomme ich gar nichts mehr davon runter. Das bedeutet ich habe die Liebe zum Leben verloren. Ich verstehe nicht mehr, welchen Sinn es hat zu leben, wenn man eh stirbt. Ich verstehe nicht mehr, was es bringt in die Schule zu gehen, wenn man eh alles vergisst. Ich verstehe nicht, warum ich aufstehen soll, wenn ich eh ins Bett muss. Ich verstehe nicht warum ich leben soll, wenn ich eh früher oder später im Grab liege. Ich verstehe es nicht. Wahrscheinlich, weil ich nichts habe, wofür es sich gerade zu leben lohnt. Gar nichts. Ich habe die Liebe zu mir und die Liebe zum Leben verloren. Es gibt nichts Schlimmeres als das.

Oder doch. 

Nämlich wenn man noch dazu die Hoffnung verliert. Am Anfang denkst du dir: Ach das ist nur heute so, morgen geht es mir besser. Das denkst du dir jeden Tag, bis du feststellst, dass es nicht besser, sondern schlimmer wird. Trotzdem bemühst du dich und hörst nie auf daran zu glauben, dass eines Tages alles wieder gut wird. Du verlierst Stück für Stück die Hoffnung. Du versuchst jedes Mal aufs Neue dich aufzuraffen und trotzdem alles auf die Reihe zu bekommen. Nach jeder sechs, die du in Mathe kassierst setzt du dich trotzdem wieder hin und lernst, weil du die Hoffnung hast, dass es dieses Mal doch besser werden könnte. Dass du dieses Mal vielleicht eine fünf bekommst. Du hast dich ja hingesetzt und gelernt. Aber du kriegst wieder eine sechs. Und so geht es in allen Bereichen des Lebens weiter. Du gehst rechtzeitig ins Bett, weil du denkst, dass du heute Nacht, vielleicht schlafen kannst. Du hast heute die ganze Zeit durchgehalten und keinen Mittagsschlaf gemacht, also müsste es doch eigentlich jetzt hinhauen. Du schläfst wieder schlecht. Du versuchst und versuchst es, aber bekommst es nicht hin. Das ist das Schlimmste Gefühl der Welt. Immer zu versuchen sein Bestes zu geben und immer wieder gesagt zu bekommen, dass es nicht reicht. Immer wieder zu scheitern. Immer und immer wieder. Festzustellen, dass deine Bemühungen nichts bringen. Es gibt Zeiten da weigert man sich aufzugeben. Ich habe mich ziemlich lange geweigert aufzugeben. Mehrere Jahre lang. Ich habe selten aufgegeben. Ich wusste meistens, was ich wollte und habe dafür gekämpft. Aber jetzt kann ich nicht mehr kämpfen. Ich bin müde. Erschöpft. Kraftlos. Ich will nicht mehr kämpfen. Und das bedeutet, dass auch langsam die Hoffnung schwindet. Wenn du immer und immer wieder versagst und immer und immer wieder dein bestes gibt es aber immer und immer wieder nicht reicht, dann gibst du auf. Nicht du, sondern ich. Ich habe aufgegeben. Denn wenn keine Liebe mehr da ist, zu dem, was man tut und man keinen Sinn mehr darin sieht, dann geht auch die Hoffnung weg. Einfach so. Ich habe keine Ahnung, wann ich angefangen habe aufzuhören zu hoffen. Das ist alles ein schleichender Prozess. Du gibst nicht auf einmal komplett auf. In dir drinnen ist immer noch ein winziger Schimmer der dir sagt: Strenge dich mehr an! Du musst es wollen, dann klappt es! Es haben so viele geschafft, warum solltest du es nicht schaffen? Aufgeben ist keine Option, du kämpfst! Aber irgendwann schwindet auch diese leise Stimme in dir. Und dann bist du so gut wie tot. Das einzige Anzeichen dafür, dass ich lebe, ist: ich atme. Und mein Herz schlägt. Aber ich lebe nicht mehr. Ich habe die Liebe und die Hoffnung verloren. Ich habe glaube ich aufgegeben.

Veröffentlicht von mayyoulive

g e t b u s y l i v i n g

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