Warum ich nicht trinke und was ich mir deswegen alles anhören darf

Man sollte sich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass man nicht trinkt. Man sollte sich auch nicht dafür rechtfertigen müssen, dass es einem einfach nicht schmeckt. Man sollte sich auch nicht dafür rechtfertigen, dass man eben trinkt. Man sollte sich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass man eben so ist wie man ist.

Man sollte sich gar nicht rechtfertigen müssen.

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben soll. Dieser Beitrag soll niemanden verurteilen oder beleidigen. Ich bin mir sicher, dass viele Äußerungen überhaupt nicht böse gemeint sind und, dass man vielleicht einfach mal aus Interesse nachfragt. Und das ist auch in Ordnung und wirklich legitim. Aber ewig darauf rumzuhacken? Den anderen auszulachen? Dieser Beitrag soll nicht verletzen, sondern zeigen, wie ich mich fühle, wenn solche Dinge zu mir gesagt werden und verdeutlichen welche Macht Worte haben können, auch, wenn sie nicht so gemeint waren.

Es geht darum, dass sie viele Menschen sich einfach nicht trauen zuzugeben, dass sie nicht trinken, weil sie deswegen meistens ausgeschlossen oder ausgelacht werden. Es geht um den gesellschaftlichen Druck der entsteht und einen dazu bringt sich zu schämen und einfach zu lügen, weil man sich nicht traut entweder den Grund zu sagen, weshalb man nicht trinkt oder einfach nur allgemein kund zu tun, dass man nicht trinkt. Wenn man zugibt, dass man nicht trinkt erwarten die Menschen meistens eine ganz genaue Erklärung und eine meilenlange Argumentation wieso das jetzt so ist. Aber vielleicht möchte ich einfach nicht genauer erläutern, dass ich nicht trinke, weil ich Antidepressiva nehme oder es mir ganz einfach nicht schmeckt und ich keine Lust darauf habe. Es wird immer weiter nachgehakt und irgendwann beginnt man sich einfach zu schämen.

Mein Freund hat mir mal auf seiner Hausparty ein Spezi in ein Weißbierglas gekippt, als ich ihm gesagt habe ich trinke nicht. Er hat mich nicht schief angeschaut. Er hat keine Fragen gestellt. Und auch, wenn diese Geste schon Jahre her ist, bedeutet sie mir immer noch sehr viel.

Alkohol wird in unserer heutigen Gesellschaft so konsumiert wie Wasser. Es ist selbstverständlicher Bier zu trinken, als Wasser. Die, die Wasser (oder auch jedes andere nicht alkoholische Getränk) trinken müssen sich rechtfertigen. Die, die Bier trinken nicht. Ich war in meinem Freundeskreis tatsächlich die Einzige, die keinen Alkohol getrunken hat. Dementsprechend habe ich mich auch häufig ausgeschlossen und alleine gefühlt. Ich hatte nicht das Gefühl das ich so angenommen wurde, wie ich war. Sobald die Leute erfuhren, dass ich nicht trinke, war ich plötzlich wie Luft. Alles drehte sich nur um eine Einzige Sache:

A L K O H O L

Die Leute verstanden nicht, warum ich nicht mal ein Bier trinken konnte. Wie gesagt ich war die Einzige und jedes einzelne Mal, wenn wir uns trafen musste ich wieder aufs Neue erklären, warum ich nichts trinke. Irgendwann habe ich mich so dafür geschämt, dass ich mir sogar Ausreden ausdenken musste, um der Gesellschaft gerecht zu werden. Ich fühlte mich so bedrängt, dass mir keine andere Wahl blieb. „Ich nehme momentan Antibiotika“ „Ich habe vorhin eine Ibu genommen“ „Ich muss gleich gehen, ich werden von meinen Eltern abgeholt.“ „Ich habe gleich Fahrstunde“ „Ich habe gerade schon ein Bier getrunken, ich will nicht zu viel trinken“

Ich habe mich geschämt, weil ich keinen Alkohol getrunken habe!

Und deswegen gelogen! Und das finde ich im Nachhinein ziemlich schlimm. Es sollte jeder für sich selbst entscheiden können, ob er trinkt oder nicht. Menschen, die nicht trinken, sollten sich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass sie nicht trinken. Die, die es tun sollten sich auch nicht dafür rechtfertigen müssen, dass sie es tun. Keiner sollte sich dafür rechtfertigen müssen.

Keiner sollte sich für seine Entscheidung schämen.

Für mich ist es nichts schlimmes keinen Alkohol zu trinken. Dadurch, dass es aber für mein Umfeld nicht normal war, hatte ich permanent das Gefühl anders zu sein, ausgeschlossen zu werden, nicht dazu zu gehören.

Aber erst später habe ich gemerkt: Es ist in Ordnung nicht zu trinken

Ich bin mir bis jetzt immer treu geblieben. Ich habe mir große Mühe gegeben, nicht aus Gruppenzwang zu trinken. Ich habe tatsächlich nie aus Gruppenzwang getrunken. Wenn ich getrunken habe, dann weil ich gerade darauf Lust hatte oder es trotzdem probieren wollte, bevor ich urteile. Aber meistens wollte ich einfach nicht trinken und habe es lieber in Kauf genommen ein Außenseiter zu sein, als etwas zu tun, was ich einfach nicht wollte.

Natürlich hat trinken seine Vorteile. Vielleicht werde ich auch eines Tages trinken, ich schließe es nicht aus. Aber es nicht zu tun ist es eben auch! Es ist nicht alles zu 100 Prozent gut oder schlecht. Wasser trinken ist nicht nur „schlecht“. Nur Alkohol zu trinken ist nicht nur gut. Es ist etwas dazwischen.

Warum ich nicht trinke:

ES SCHMECKT MIR EINFACH NICHT.

ICH SEHE DEN SINN DARIN NICHT, DIE HÄLFTE VON DEM, WAS MAN ERLEBT HAT ZU VERGESSEN UND DEN GANZEN FOLGENDEN TAG ZU VERGEUDEN, WEIL ES EINEM SO SCHLECHT GEHT.

DURCH MEINE ANTIDEPRESSIVA KANN ICH MOMENTAN EH NICHT TRINKEN.

Und weil ich nicht trinke, darf ich mir durchgehend verletzende Kommentare von anderen geben.

Ich finde es nicht fair, davon auszugehen, dass man nur nicht trinkt, weil man schwanger ist. Als wäre schwanger zu sein die einzige Ausrede, die toleriert wird, wenn man nicht trinkt. An alle: NEIN, ICH BIN NICHT SCHWANGER. Ich habe einfach nur keine Lust zu trinken.

Schön für dich, aber vielleicht hast du die noch schöneren Dinge im Leben vergessen oder sie verpasst, weil du den nächsten Tag nicht mehr ansprechbar warst.

Ehrlich gesagt bin ich nicht der Meinung, dass ich was verpasst habe. Ich habe was verpasst, wenn ich den Sonnenuntergang nicht gesehen habe, wenn ich den ganzen Sommer nicht baden war, wenn ich nicht bei der Abiturverleihung von meiner besten Freundin oder dem 18. von meiner Schwester war. Ich habe was verpasst, wenn ich vor lauter Besoffenheit nicht mitbekommen habe, dass mein Freund bei der Party „Ich liebe dich“ zu mir gesagt hat.

Ich habe nichts verpasst, wenn ich nicht auf der Party war und nicht dort den ganzen Abend kotzend in der Ecke lag. Ich habe nichts verpasst, wenn ich das eine Glas Wein ablehne oder nicht beim Kastenrennen mitmache.

Ich werde ausgelacht, wenn ich einen Tee, statt nem Tequila nehme.

Wie gesagt, jedem seine Entscheidung. Es ist in Ordnung Alkohol zu trinken, aber es ist ebenfalls in Ordnung es nicht zu tun. Dass ich selbst keinen Alkohol trinke, bedeutet nicht, dass ich nicht bereit dazu bin meinen Freunden ein paar Kästen zu besorgen, wenn ich eine Party feiere.

Dieser Satz sagt einfach alles.

Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich bleibe lieber bei den alkoholfreien Getränken

Warum lassen mich die Menschen nicht einfach nicht trinken, wenn ich keine Lust darauf habe? Warum wollen alle einen dazu nötigen zu trinken? Natürlich kann trinken schön sein. Aber ich finde mein Leben genauso schön, wenn ich nicht trinke. Warum muss man erst trinken, um cool zu sein? Vermutlich werde ich nie eine Antwort darauf bekommen.

Ich bin bis jetzt sehr gut damit klargekommen nicht zu trinken. Und ob man es glaubt oder nicht: ich hatte bisher in meinem Leben trotzdem viel Spaß!

Trefft eure eigenen Entscheidungen. Lasst euch nicht dazu drängen, etwas zu tun, was ihr nicht wollt, nur weil es alle anderen machen. Alles ist in Ordnung so wie es ist. Es ist in Ordnung zu trinken. Es ist in Ordnung nur manchmal zu trinken. Es ist in Ordnung gar nicht zu trinken. Ihr seid keine Außenseiter oder weniger cool, weil ihr nicht trinkt. Oder es tut. Bleibt euch selbst treu. Man ist viel cooler, wenn man sich in so einer Gesellschaft, wie die in der wir leben, traut man selbst zu sein und zu sich selbst zu stehen.

Veröffentlicht von mayyoulive

g e t b u s y l i v i n g

6 Kommentare zu „Warum ich nicht trinke und was ich mir deswegen alles anhören darf

  1. Genau so ist es richtig. Jeder soll für sich entscheiden. Leider ist der gesellschaftliche Druck und das Unverständnis sehr groß, wenn man nicht trinkt. Selbst, wenn man nur gelegentlich in der Runde keine Alkohol bestellt. Dabei würde es mehr Sinn ergeben, es wäre genau umgekehrt. Wieso fängt man in jungen Jahren an zu trinken? Man will dazu gehören und merkt dann schnell, dass der Alkohol ein lockerer macht. Unsicherheiten weg trinken. Ausgelassen sein. Alles absolut verständlich, hab ich genau so auch gemacht. Aber gleichzeitig auch immer akzeptiert, dass meine Freundin nichts trinken wollte. Im Nachhinein war sie die Kluge, denn ich befand mich sicher öfters mal in peinlichen Situationen. Überlebt haben wir beide und trinken heute beide gerne mal ein Glas Rosé zusammen. Bleib stark und lass dich nicht verunsichern. Triff deine Entscheidungen weiterhin so, wie sie für dich richtig sind. Die Menschen, die so wichtig sind, dass sie bleiben, werden das akzeptieren. Die anderen kommen und gehen und kommen vielleicht wieder.

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    1. Vielen Dank für deine lieben Worte, ich nehme sie mir sehr zu Herzen und muss sagen sie ermutigen mich… Ich bin bis jetzt selten auf Menschen gestoßen, die Verständnis dafür haben und wie du sagst ist der Druck sehr groß. Es freut mich, dass du dieses „Problem“ auch sehen kannst und ich nicht die Einzige bin. Aber vielleicht kann sich das alles ändern und es kommt irgendwann ein Bewusstsein dafür auf. Wer weiß? Vielleicht werde ich später auch hin und wieder ein Glas Rosé mit meinem Freund trinken. 😉

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  2. Ich hab fast genau dasselbe erlebt wie du und musste ca 2-3 Jahre in meinem Freundeskreis durchhalten unds immer wieder sagen und erklären dass ich einfach GAR keinen Alkohol trinke und zwar ohne speziellen Grund und dass ich trotzdem gern Bierpong mitspielen will mit Wasser etc, bis es akzeptiert wurde und jetzt ist alles chillig 🙂 es braucht viel Selbstbewusstsein und Stärke, aber es lohnt sich und ich finds toll wie du das machst!

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    1. Hey Larissa, ich stimme dir komplett zu! Bei mir war es auch ein kleiner Kampf endlich Bierpong usw. mitspielen zu dürfen und muss teilweise auch immer noch ziemlich viel diskutieren. Aber es freut und ermutigt mich wirklich zu hören, dass ich nicht die Einzige bin und, dass es doch mehreren Menschen so geht. Und ich finde es auch von dir sehr sehr mutig und nicht selbstverständlich, dass du so offen darüber sprichst. Ich denke das kann man nur bewundern.

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  3. Schön geschrieben und spricht mir aus der Seele!
    Ich konnte (durfte) von 16 bis ca. 30 aus gesundheitlichen Gründen nichts trinken und sah auch keinen Grund, mich nicht daran zu halten. Erst recht nicht Mitschüler oder -studenten, die das nicht nachvollziehen konnten.
    Sei stolz auf Dich!

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