Wie ich mein Abitur, trotz Depressionen geschafft habe

Hätte man mich vor kurzen gefragt, hätte ich geantwortet: „Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Für mich grenzt es an ein Wunder, das Abitur geschafft zu haben.“

In der Oberstufe ging es mir gesundheitlich immer schlechter. Vor allem das letzte Jahr in der Schule grenzte für mich an der Hölle. Ich fehlte immer häufiger. An drei von fünf Tagen die Woche war ich nicht einmal in der Schule. An den beiden Tagen, die ich dann in der Schule war musste ich abgeholt werden, weil ich es nicht mehr durchgehalten habe. Alle fünf Minuten musste ich mich auf dem Klo verkriechen, weil ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte und Angst hatte, die anderen könnten mich sehen. Sogar an Referaten, die ich halten musste oder an Tagen, die ich früher als wichtig empfunden hatte, musste ich auf halbem Weh umkehren, weil ich es einfach nicht geschafft habe. Mein Absentenheft bestand nur noch aus Entschuldigungen, die entweder von meinem Hausarzt, meinem Psychiater oder meiner Psychologin kamen. Lernen war bei mir nicht mehr drinnen. Mich an den Schreibtisch zu setzen, war für mich die größte Herausforderung. Denn eigentlich lag ich den ganzen Tag im Bett und habe nichts gemacht. Nicht gegessen, nicht geredet, nicht bewegt. Nur geweint und in meinen eigenen Tränen ertrunken bin ich.

Ich denke in so einer Situation muss man sich erstmal fragen: Kann ich das Abitur wirklich schaffen? Oder ist es vielleicht nicht doch besser, wenn ich das Abitur nächstes Jahr nachmache und mir jetzt die Zeit nehme gesund zu werden. Wenn es einem nicht gut geht, dann geht es einem nicht gut. Des ist möglich das Abitur nachzuholen! Das Abitur ein Jahr später zu machen bedeutet nicht zu versagen oder aufgegeben zu haben. Das Abitur ein Jahr später zu machen und sich Zeit zu nehmen wieder zu sich selbst und Geschmack am Leben zu finden ist mutig, ein Kampf um sich selbst und kann die beste Entscheidung des Lebens sein. Was bringt es einem sich durchzuquälen und alles als Hölle zu empfinden, wenn es aber auch nur etwas später anders gehen kann?

Ich persönlich habe mich dazu entschieden das Abitur durchzuziehen. Warum? Es war nicht mehr lange und ich konnte an nichts anderes denken, als das befreiende Gefühl, das mich nach dem Abitur ergreifen würde. Denn ja, die Schule war auch ein Grund, weshalb meine Depression schlimmer wurde. ich wollte sie so schnell wie möglich weg haben und dann nicht mehr daran denken. Außerdem hätte ich nie im Leben gesund werden können, wenn ich immer im Hinterkopf gehabt hätte, dass ich das Abitur noch vor mir habe und irgendwann, wenn es mir besser geht wieder in die Schule hätte gehen müssen. Aber jeder sieht das anders und jeder muss seine eigene Entscheidung treffen. Ich muss dazu sagen, dass ich enormes Glück hatte, denn einige Wochen vor dem Abitur haben wir mein Medikament gewechselt und es hat gewirkt. Der Unterschied war so groß, dass ich plötzlich nicht mehr gar nichts gelernt habe und mich zumindest für das Nötigste aufraffen konnte. Ich glaube die Medikamente haben eine enorme Rolle gespielt.

Aber umso länger ich im Nachhinein nachdenke, desto sicherer bin ich, dass ich doch bestimmte Methoden und Dinge herauskristallisiert haben, die mir geholfen haben.

  1. Genügend Zeit zum Lernen einplanen

Mit genügend meine ich auch wirklich genügend. Ich persönlich habe mir mindestens eine Woche länger eingeplant als eigentlich nötig gewesen wäre. Einfach aus dem Grund, dass ich schlechtere Tage mit eingeplant habe. Wenn es schlechte Tage gab, an denen ich gar nicht in der Lage war zu lernen, dann war das nicht ganz so schlimm, weil man wusste, dass es in Ordnung ist, wenn es einem nicht gut geht und man sich die Lernpause leisten kann, weil man diese eben eingeplant hat. Der Druck, dass schlechte Tage nicht kommen dürfen, weil man es sich nicht leisten kann mal nicht zu lernen ist dadurch größtenteils weggefallen.

2. Die To-Do Liste nicht überfüllen

Ich war vor allem in dieser Zeit kaum belastbar. Ich war ziemlich schnell mit meinen Aufgaben überfordert. Mir wurde schnell alles zu viel, was zu kompletten Zusammenbrüchen führen konnte. Ich, die ein großer Fan von To-Do Listen ist tendiere dazu meine Listen zu überfüllen, sodass ich noch bevor ich überhaupt angefangen habe zu lernen schon überfordert war und aus meinen Lernplänen nichts wurde. In solchen Situationen ist es verdammt wichtig sich realistische und kleine Ziele zu setzen, die man erreichen kann und im Bereich des Möglichen liegen. Es kann mal mehr und mal weniger sein. Deswegen habe ich mir meistens drei Hauptpunkte am Tag herausgesucht, die mir im Moment am Wichtigsten erschienen und mir vorgenommen diese auf jeden Fall zu schaffen. Das hat mir einiges an Überforderung erspart. Wenn es mal ein To-Do mehr ist, ist das auch nicht schlimm, aber diese Methode grundsätzlich anzuwenden, hat mir sehr geholfen.

Sollte es mal einen Tag geben, an dem man sich gut fühlt, ist es natürlich kein Problem seine Liste zu erweitern und weiterzumachen. Das finde ich sogar sehr empfehlenswert, denn ich habe für das Abitur tatsächlich nur das Nötigste gemacht, was für mich dann aber gereicht hat, aber nicht zwingend bedeutet, dass jeden Tag wirklich nur 3 Punkte auf meiner Liste standen.

3. Sich seine Ziele vor Augen führen

Will ich das Abitur einfach nur schaffen oder will ich einen bestimmten Schnitt erreichen? Mein Schnitt war 2,1, weswegen ich einfach nur bestehen wollte. Ich wäre in dieser Zeit zu nichts anderem in der Lage gewesen und das ist auch in Ordnung für mich gewesen. Will man mehr erreichen, dann kann man sich natürlich auch 4 oder 5 Punkte pro Tag vornehmen. Wenn es einem gesundheitlich wirklich schlecht geht und man nicht mal das Nötigste machen kann, könnte man sich aber wieder überlegen nach Lösungen zu suchen, wie zum Beispiel das Abitur nachzuholen.

4. Den Tag mit positiven Aktivitäten füllen

Ich habe versucht nie den ganzen Tag zu lernen. Ich habe versucht jeden Tag noch Zeit für mich selbst zu haben. Ich habe versucht in jeden Tag positive Aktivitäten zu integrieren, auf die ich mich beim Lernen „freuen“ konnte und mir die Sache ein bisschen erleichtert haben. Es gibt nicht nur das Lernen im Leben, will man gesund bleiben müssen auch immer wieder Positive Dinge in den Tag integriert werden. Sei es nur das Lieblingsessen am Abend.

5. Keine zu langen Pausen machen

Ja Pausen sind sehr wichtig und man sollte sie auch regelmäßig machen. Ich persönlich habe aber immer versucht nie länger als 10 Minuten zu pausieren. Meine Lernmotivation war sowieso schon so im Keller, dass ich mich nach länger als 10 Minuten nicht mehr zum Lernen hätte aufraffen können.

6. Akzeptanz

Wenn man mal eine schlechte Woche hat, dann ist das so! Man darf sich nicht dafür verurteilen, dass es einem schlecht geht und sich mit Druck und Schuldgefühlen überhäufen. Das führt zu nichts, außer, dass man sich selbst noch schlechter fühlt. Es ist okay sich seinen Emotionen hinzugeben, genau deswegen hat man zusätzliche Tage eingeplant.

7. Es ist „nur“ das Abitur

Mir ist persönlich bewusst geworden, dass das Abitur mir ziemlich egal ist. Wie gesagt wollte ich einfach nur bestehen. Durch meine Depression habe ich einfach gemerkt, dass es tausende wichtigere Sachen gibt als Schule. Zum Beispiel Gesundheit (Damit will ich nicht sagen, dass man auf das Abitur scheißen sollte, aber ich glaube man weiß, was ich meine). Mir war mein Schnitt egal, denn ich wusste, dass es selbst, wenn ich Medizin hätte studieren wollen, Wege gegeben hätte es mit 2,1 zu machen. Das Abitur war für mich nur ein Stück Papier, das irgendwelche Leistungen gemessen haben, die nichts mit dem Leben zu tun haben und den einzelnen nicht berücksichtigen.

8. Darüber reden

Ich hatte auch in der Abizeit Therapie, was mir sehr geholfen hat. Man muss aber nicht unbedingt mit einem Therapeuten reden, um sich besser zu fühlen. Die Eltern, die beste Freundin oder das Haustier können genauso weiterhelfen. Hauptsache man lässt es raus!

Diese Tipps sind natürlich nicht nur für Menschen mit Depressionen gedacht. Man kann genauso gut andere Krankheiten haben oder einfach überhaupt nicht krank sein und mit dem Abitur überfordert sein. Das Abitur ist ein verdammt wichtiger Schritt im Leben und deswegen ist es völlig in Ordnung sich viele Gedanken zu machen.

Ein letzter Gedanke: Du bist bis jetzt so weit gekommenen und hast so viel geschafft, warum sollte dir das Abitur dann nicht gelingen?

Veröffentlicht von mayyoulive

g e t b u s y l i v i n g

5 Kommentare zu „Wie ich mein Abitur, trotz Depressionen geschafft habe

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